AZ - Artikel vom 08.09.2009

 

Claudia Pleyer, Michael Pleyer, Sabine Kondert, Elke Klein, Rebecca Klein

Wohnen mit stummen Sellenverwandten

 

Projekt Trauminsel47drei -

Warum drei junge Leute mit autistischen Zügen von einem selbstbestimmten Wohnen träumen

 

Rebecca Klein träumt von einer Insel „mitten in meiner Heimatstadt“, wo sie „mit stummen Seelenverwandten ihr Nest teilen“ kann. Was die Autistin in ihrem Gedicht „trauminsel“ poetisch in Worte fasst, soll irgendwann Wirklichkeit werden. Seit gut zwei Jahren laufen die Planungen für das Wohnprojekt „Trauminsel 47drei“ auf dem Sheridan-Areal in Pfersee. Es möchte gemeinschaftliches Wohnen für Menschen mit und ohne Behinderung ermöglichen. Die Besonderheit: Die fünf Menschen mit Behinderung, die ins Dachgeschoß einziehen sollen, werden junge Leute mit verschiedenen Formen des Autismus sein.
„Trauminsel47drei“, benannt nach Rebecca Kleins Gedicht und der Bauplatz-Nummer, heißt auch der Förderverein, hinter dem vor allem Mütter dieser jungen Leute stehen. Noch ist das Haus mit seinen vorgesehenen zehn Parteien und dem Gemeinschaftsraum im Erdgeschoß nicht gebaut. Der Verein muss für den Kauf des Grundstücks noch Geld sammeln. Geplant ist die Fertigstellung des Hauses Ende 2012.
Dieses Projekt zeigt, wie das, was bisher als Unmöglich angesehen wurde, möglich werden kann: Dass Menschen, die rund um die Uhr Assistenz bzw. Pflege brauchen, ein selbstbestimmtes Leben in einer Hausgemeinschaft führen können. Die Alternative wäre normalerweise ein Heim. Wer sind diese Menschen? Da ist Rebecca Klein, in Augsburg schon bekannt als Lyrikerin und Mitglied des Behindertenbeirats. Die 29-jährige stumme, autistische Frau lebte viele Jahre ihrer Kindheit wegen ihrer schweren Verhaltensauffälligkeiten in einem Heim für geistig behinderte Menschen. Dafür hielt man sie, da sie weder über Sprache, Blickkontakt, gezielte Handlungen oder Gestik und Mimik kommunizieren konnte. Erst 1993 nahm ihr Leben eine Wende. Mit Hilfe ihrer Mutter und der Methode der „Gestützten Kommunikation“ (FC), konnte sie ihr Eingesperrtsein, das sie selbst als „Mumienzeit“ bezeichnet, überwinden und ihre Intelligenz unter Beweis stellen. Wenn Rebecca Klein sich äußern will, stützt ihre Mutter ihren Arm, sodass sie mit ihren Fingern auf einer „Sprachtafel“ Wörter und Sätze bilden kann. Das geschieht in einer ganz eigenen Ausdrucksweise, oft mit originellen Sprachbildern. Gefragt, warum ihr so sehr an dem Projekt „Trauminsel47drei liegt“, schreibt Rebecca: „Weil ich korrekt leben will.“ Und: „Selbstbestimmung ist Menschenwürde.“
Diese Selbstbestimmung wünschen sich auch die Mütter von Michael Pleyer (15) und Manuel Kondert (17) für ihre Söhne. Noch sind beide Schüler. Manuel ist in der elften Klasse am Gymnasium, begeistert sich für Latein und Musik. Michael besucht noch die Hauptschule. „Er möchte später mal Professor für Musik werden“, erzählt seine Mutter Claudia Pleyer schmunzelnd und berichtet davon, dass sich ihr Sohn mithilfe der „Gestützten Kommunikation“ nicht nur äußern, sondern auch wunderbar Keyboard spielen kann. Noch wissen Claudia Pleyer und Sabine Kondert nicht, was ihre Söhne nach Abschluss der Schule tatsächlich tun werden, in einem aber stimmen sie überein: Sie wollen als Mütter ihre Kinder „loslassen in die Selbstständigkeit“. Claudia Peyer denkt sogar noch weiter in die Zukunft: „Was ist, wenn ich mal nicht mehr bin?“
Ausschließlich Profis sollen bei diesem Wohnprojekt für insgesamt fünf Menschen mit diesen Formen der schweren Behinderung rund um die Uhr jeweils individuell da sein. So soll „inklusives Wohnen“ möglich werden inmitten einer Nachbarschaft, die, wie Rebecca Klein in ihrem Gedicht „trauminsel“ beschreibt, „unsere besonderheiten als teil des ganzen“ sehen. (gek)

Autismus

Bei dieser tiefgreifenden Entwicklungsstörung können Reize wie Hören, Sehen, Fühlen oder Tasten nicht richtig verarbeitet werden. Je nach Ausprägung des Autismus wird es für diese Menschen schwierig, mit anderen Menschen zu sprechen oder Mimik und Körpersprache einzusetzen. Sie erfahren ihre Umwelt anders, als es nicht an autistischen Störungen leidende Menschen tun. So kann es beispielsweise sein, dass sie kein Gefahrenbewusstsein haben. Auffallend ist, dass autistische Menschen oft über außergewähnliche Fähigkeiten auf einem Gebiet verfügen.

 

Mehr Informationen über das inklusive Wohnprojekt „Trauminsel47drei“ unter: www.trauminsel-47drei.eu (gek)

 

 

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aktualiesiert 13.06.2010